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Ev.-ref. Kirche des Kantons Freiburg

Laeticia Buchs

Ein kurzer Exkurs in die Kirchengeschichte der Spätantike

Konstantin_mit_Christogramm (Foto: Porträt Konstantins mit Christusmonogramm am Helmbusch. Silbermedaillon geprägt 313 n.Chr. (Foto O. )

Soll sich die Kirche in politische Debatten einmischen und zu tagesaktuellen Themen Stellung beziehen?
Im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit RefModula, das heisst, der kirchlich-theologischen Aus- und Weiterbildungsstelle von Refbejuso, verantwortet unsere Fachstelle Bildung für die Berner und Freiburger Katechetik-Ausbildung den Modulblock Kirchengeschichte.

Unser Kurs hat zum Ziel, den angehenden Katechet innen und Katecheten einen ersten Überblick über 2000 Jahre Geschichte des Christentums zu geben und ihnen die Kompetenz zu vermitteln, aktuelle theologische und kirchliche Fragestellungen in den jeweiligen historischen Bezügen zu verstehen. Unser Programm ist anspruchsvoll und immer mal wieder hören wir von den Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern die gequälte Frage, was es ihnen denn letztlich bringe, sich mit so vielen Daten und Fakten zu beschäftigen. Natürlich lässt sich aus der Position der Dozierenden immer bildungsbeflissen antworten: «Nur wer weiss, woher etwas kommt, versteht es wirklich.» Oder umgekehrt, «wer verstehen will was ist, muss wissen, woher es kommt.» Viel fruchtbarer, interessanter und gerade auch für uns Kirchenverantwortlichen von heute recht befreiend ist es, wenn man aufzeigen kann, dass aktuelle Diskussionen, wie zum Beispiel die Debatte über das Verhältnis von Kirche und staatlicher Politik, die wir heute angestrengt bis erbittert führen, ein Dauerthema der Kirchengeschichte ist. Ein Thema, welches ins 4. Jahrhundert zurückgeht und seinen Ursprung in dem hat, was die Geschichtsbücher die «Konstantinische Wende» nennen. Als Überbegriff bezeichnet dieser Terminus den Wandel des Christentums von einer verfolgten Religion bis zur Erhebung zur Staatsreligion im Jahre 380 n. Chr. unter Kaiser Theodosius I. Es geht um den Prozess, der massgeblich durch Konstantin den Grossen vorangetrieben wurde und schliesslich mit der Mailänder Vereinbarung von 313 n. Chr. zur faktischen Anerkennung des Christentums als erlaubte Religion führte. In einem engeren Sinn wird unter der «Konstantinischen Wende» auch das persönliche Bekehrungserlebnis von Konstantin im Zusammenhang mit den Geschehnissen vor der Schlacht an der Milvischen Brücke im Jahr 312 n. Chr. verstanden: Als Feldherr habe Konstantin – so berichtet uns sein christlicher Biograph und Kirchenvater Eusebius - in einer Vision ein leuchtendes Kreuz mit der Inschrift «in diesem Zeichen wirst du siegen» am Himmel gesehen. Nachdem ihm auch noch Christus im Traum erschienen war, soll Konstantin befohlen haben, die Schilde seiner Soldaten mit dem Chi-Rho-Monogramm versehen zu lassen. Damit sei es ihm gelungen, einen zahlenmässig weit überlegenen Gegner im Namen Christi zu besiegen.

Man kann diese Geschichte mögen, sie abstossend finden oder als nachträglich erfundene, fromme Legende verstehen, aber man kommt nicht umhin zu betonen, zu welch entscheidendem Wandel es unter Kaiser Konstantin dem Grossen für das Christentum kam: Gerade noch durch Verfolgung existentiell bedroht, waren es nun mehr und mehr die Christen, die den Staat lenkten. Dadurch entstanden für sie aber nicht nur Privilegen, sondern auch bisher unbekannte Probleme, denn für eine christliche Herrschaft gibt die Bibel kaum Hinweise und Anhaltpunkte. Plötzlich war man nicht mehr der Sauerteig in der Gesellschaft, das moralische Gegengewicht zum heidnischen Staat, sondern selbst Teil dieses Staates, mit der Möglichkeit, die moralischen Vorstellungen des Christentums in die Gesetzgebung des Römischen Reiches einfliessen zu lassen. Dabei stellten sich aber, wie gesagt, grundlegende Fragen: Beispielsweise das christliche Tötungsverbot und die damit einhergehende Ablehnung des Kriegsdienstes musste in einer grösstenteils christlichen Gesellschaft und einem christlichen Staat überdacht werden, denn es ging ja jetzt beim Schutz des Staates vor äusserer Bedrohung auch um den Schutz des Christentums…

Die mit der Konstantinischen Wende einsetzende Instrumentalisierung der christlichen Kirche durch den Staat geschah aber keineswegs einseitig. Schon bald musste sich der Staat auch in den Dienst der immer mächtiger werdenden Kirche stellen und er wurde nicht selten in innerkirchliche Streitigkeiten verwickelt. Natürlich war der Wandel der Kirche von der Gemeinschaft einiger weniger Jesus-Nachfolger hin zu einem nicht mehr wegzudenkenden Machtfaktor bereits in der Spätantike nicht unhinterfragt. So entstanden gerade die ersten klösterlichen Gemeinschaften als spirituelle Gegenbewegung zu einem vorab mit weltlichen Belangen beschäftigten Leben.

Historische Ereignisse und Entwicklungen, wie der Investiturstreit, die Kreuzzüge, die Prozesse der Aufklärung und der Säkularisierung und das Verhältnis von Kirche und Staat in der heutigen Politik lassen sich weder geschichtsvergessen verstehen noch diskutieren. Abgesehen von den leider viel zu zahlreichen Ausnahmen hat die rund 1500-jährige Verbindung von Staat und christlicher Kirche das Weltbewusstsein zum Schutz der Würde und der Freiheit des Menschen mitgeformt. Dass uns daraus auch für die Gegenwart eine Verantwortung erwächst, sollte nicht vergessen werden.

Franziska Grau Salvisberg, Synodalrätin

Abbildung: Porträt Konstantins mit Christusmonogramm am Helmbusch. Silbermedaillon geprägt 313 n.Chr. (Foto O. Nickl aus: » https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantin_der_Grosse (aufgerufen 09.08.2021)


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