Advent und Weihnachten zwischen Zwingli, Haller, Farel und Calvin
Warten und Ankunft im reformierten Licht
Der Advent ist eine Zeit des Wartens – und doch kein passives Warten. In der reformierten Tradition bedeutet Advent: Gott kommt. Nicht wir schaffen den Weg zu ihm, sondern er findet den Weg zu uns.
Diese einfache, aber tiefgehende Einsicht prägt bis heute das Verständnis von Advent und Weihnachten in der reformierten Kirche – besonders hier im Kanton Freiburg, wo sich verschiedene reformatorische Strömungen begegnen: Zwingli aus Zürich, Haller aus Bern, Farel aus der französischen Schweiz und Calvin aus Genf.
Zwingli – Schlichtheit und das Hören auf das Wort
Für Huldrych Zwingli war entscheidend, dass der Glaube nicht in äusseren Formen, sondern im Hören auf Gottes Wort lebt. Der Advent war für ihn keine Zeit frommer Äusserlichkeiten, sondern eine Einladung zur inneren Sammlung.
In einer Zeit der Überfülle erinnert uns Zwingli daran, dass das Entscheidende nicht sichtbar, sondern hörbar ist. Advent heisst: still werden, um das Wort zu hören, das Leben schafft.
Haller – Die Brücke von Bern
Weniger bekannt, aber für unsere Region von grosser Bedeutung, ist Berchtold Haller, der Berner Reformator. Als Freund Zwinglis übernahm er dessen theologische Grundlinien, setzte sie aber mit seelsorgerlicher Umsicht um.
Haller verband Zwinglis Schriftorientierung mit einem Sinn für kirchliche Ordnung und Gemeinschaft. Durch Bern gelangten reformierte Gedanken in viele Gebiete – auch in jene Regionen, die heute zum Kanton Freiburg gehören.
Haller steht für ein reformiertes Christentum, das Herz und Ordnung vereint: klar im Glauben, behutsam im Handeln.
Farel – Feuer und Mut im französischen Westen
Guillaume Farel brachte das reformierte Evangelium über die Sprachgrenze hinaus. Er war der feurige Prediger der französischsprachigen Reformation – leidenschaftlich, mutig, kompromisslos.
In den 1520er-Jahren trat er auch in Freiburg auf, um die Reformation zu verkünden. Sein Auftreten löste heftige Reaktionen aus – Freiburg blieb mehrheitlich katholisch –, doch Farels Mut trug Früchte in der Umgebung: In Orbe, Aigle, Neuenburg und Lausanne fasste der neue Glaube Fuss.
Farel steht für den missionarischen Geist der Reformation: das Evangelium nicht nur zu hören, sondern zu bezeugen – mit brennendem Herzen.
Calvin – Gnade und Verantwortung
Für Johannes Calvin ist die Menschwerdung Gottes das grosse Zeichen der Gnade: Gott steigt zu uns hinab, damit wir zu ihm erhoben werden. Weihnachten ist für ihn kein sentimentales Fest, sondern der Beginn einer neuen Wirklichkeit, in der Gottes Liebe Gestalt annimmt.
Wer von dieser Gnade lebt, ist frei zum Handeln. Advent und Weihnachten gehören für Calvin zusammen: Warten führt zur Tat, und Ankunft führt zur Dankbarkeit. Weihnachten ist der Moment, in dem das Wort, das wir im Advent hören, Fleisch wird – „das Licht scheint in der Finsternis“ (Joh 1,5).
Treffen sich diese Traditionen in Freiburg?
Haben Zwingli, Haller, Farel und Calvin tatsächlich einen Einfluss auf die evangelisch-reformierte Praxis im Kanton Freiburg?
Ganz klar lässt sich das nicht sagen. Unsere Kirche ist vielfältig, geprägt von unterschiedlichen Sprachen, Geschichten und Spiritualitäten.
Doch in Ansätzen zeigt sich dieses Erbe bis heute:
• In der Schlichtheit unserer Gottesdienste, die Zwinglis Geist atmet.
• In der geordneten Gemeindestruktur Berns.
• In der Leidenschaft und Offenheit Farels.
• Und in der theologischen Tiefe und Verantwortlichkeit Calvins.
So lebt im Alltag unserer Kirchgemeinden eine stille Mischung dieser Einflüsse – nicht als starre Lehre, sondern als Haltung: nüchtern, aber hoffnungsvoll; kritisch, aber vertrauensvoll; schlicht, aber tief.
Weihnachten – Ankunft mitten im Alltag
Wenn der Advent das Warten ist, dann ist Weihnachten die Erfüllung.
Doch auch diese Erfüllung ist in der reformierten Sicht keine Flucht in Glanz und Rührung. Weihnachten ist nicht das Ende der Erwartung, sondern ihr Anfang in neuer Gestalt: Gott kommt, und er bleibt.
Zwingli hätte gesagt: Das wahre Licht kommt nicht aus den Lichtern der Stadt, sondern aus dem Wort, das uns trifft.
Haller hätte gemahnt: Freuet euch – aber haltet Mass.
Farel hätte gerufen: Verkündet es laut, Gott ist da!
Und Calvin hätte hinzugefügt: Lebt aus dieser Gnade, die euch verwandelt.
Weihnachten ist das Fest der Inkarnation, der Menschwerdung Gottes.
Wir feiern nicht nur eine Geschichte von damals, sondern eine Gegenwart, die uns trägt: Gott wird Mensch – auch in unserem Alltag, in unserer Welt, in unseren Beziehungen.
Advent und Weihnachten heute leben
Wie können wir als moderne reformierte Christinnen und Christen diese Zeit gestalten? Vielleicht so:
• Raum schaffen für das Wort: Ein Moment der Stille im Tag – ein Bibelvers, ein Gebet, ein Gedanke.
• Mass halten: Advent als Gegenbewegung zur Überfülle.
• Beziehungen pflegen: Eine Geste der Nähe – wo Einsamkeit herrscht, ist Weihnachten fern.
• Sich engagieren: Eine Tat der Solidarität – das Licht weitergeben.
• Bewusst feiern: Weihnachten als Feier der Gegenwart Gottes – mitten im Leben.
So wird Advent und Weihnachten zu einer Bewegung, die innen beginnt und nach aussen wirkt.
Gott kommt – auch heute.
Und vielleicht, wenn wir genau hinhören, klingen in dieser Ankunft die Stimmen unserer Reformatoren noch immer nach:
Zwingli mit seiner Klarheit, Haller mit seiner Gelassenheit, Farel mit seinem Feuer und Calvin mit seiner Tiefe.
Gemeinsam erinnern sie uns daran, dass Gott Mensch wird – auch hier, auch jetzt, mitten unter uns.
Benjamin Stupan
Synodalrat Ressort Kommunikation
Newsletter - Inhaltsverzeichnis
Der Advent ist eine Zeit des Wartens – und doch kein passives Warten. In der reformierten Tradition bedeutet Advent: Gott kommt. Nicht wir schaffen den Weg zu ihm, sondern er findet den Weg zu uns.
Diese einfache, aber tiefgehende Einsicht prägt bis heute das Verständnis von Advent und Weihnachten in der reformierten Kirche – besonders hier im Kanton Freiburg, wo sich verschiedene reformatorische Strömungen begegnen: Zwingli aus Zürich, Haller aus Bern, Farel aus der französischen Schweiz und Calvin aus Genf.
Zwingli – Schlichtheit und das Hören auf das Wort
Für Huldrych Zwingli war entscheidend, dass der Glaube nicht in äusseren Formen, sondern im Hören auf Gottes Wort lebt. Der Advent war für ihn keine Zeit frommer Äusserlichkeiten, sondern eine Einladung zur inneren Sammlung.
In einer Zeit der Überfülle erinnert uns Zwingli daran, dass das Entscheidende nicht sichtbar, sondern hörbar ist. Advent heisst: still werden, um das Wort zu hören, das Leben schafft.
Haller – Die Brücke von Bern
Weniger bekannt, aber für unsere Region von grosser Bedeutung, ist Berchtold Haller, der Berner Reformator. Als Freund Zwinglis übernahm er dessen theologische Grundlinien, setzte sie aber mit seelsorgerlicher Umsicht um.
Haller verband Zwinglis Schriftorientierung mit einem Sinn für kirchliche Ordnung und Gemeinschaft. Durch Bern gelangten reformierte Gedanken in viele Gebiete – auch in jene Regionen, die heute zum Kanton Freiburg gehören.
Haller steht für ein reformiertes Christentum, das Herz und Ordnung vereint: klar im Glauben, behutsam im Handeln.
Farel – Feuer und Mut im französischen Westen
Guillaume Farel brachte das reformierte Evangelium über die Sprachgrenze hinaus. Er war der feurige Prediger der französischsprachigen Reformation – leidenschaftlich, mutig, kompromisslos.
In den 1520er-Jahren trat er auch in Freiburg auf, um die Reformation zu verkünden. Sein Auftreten löste heftige Reaktionen aus – Freiburg blieb mehrheitlich katholisch –, doch Farels Mut trug Früchte in der Umgebung: In Orbe, Aigle, Neuenburg und Lausanne fasste der neue Glaube Fuss.
Farel steht für den missionarischen Geist der Reformation: das Evangelium nicht nur zu hören, sondern zu bezeugen – mit brennendem Herzen.
Calvin – Gnade und Verantwortung
Für Johannes Calvin ist die Menschwerdung Gottes das grosse Zeichen der Gnade: Gott steigt zu uns hinab, damit wir zu ihm erhoben werden. Weihnachten ist für ihn kein sentimentales Fest, sondern der Beginn einer neuen Wirklichkeit, in der Gottes Liebe Gestalt annimmt.
Wer von dieser Gnade lebt, ist frei zum Handeln. Advent und Weihnachten gehören für Calvin zusammen: Warten führt zur Tat, und Ankunft führt zur Dankbarkeit. Weihnachten ist der Moment, in dem das Wort, das wir im Advent hören, Fleisch wird – „das Licht scheint in der Finsternis“ (Joh 1,5).
Treffen sich diese Traditionen in Freiburg?
Haben Zwingli, Haller, Farel und Calvin tatsächlich einen Einfluss auf die evangelisch-reformierte Praxis im Kanton Freiburg?
Ganz klar lässt sich das nicht sagen. Unsere Kirche ist vielfältig, geprägt von unterschiedlichen Sprachen, Geschichten und Spiritualitäten.
Doch in Ansätzen zeigt sich dieses Erbe bis heute:
• In der Schlichtheit unserer Gottesdienste, die Zwinglis Geist atmet.
• In der geordneten Gemeindestruktur Berns.
• In der Leidenschaft und Offenheit Farels.
• Und in der theologischen Tiefe und Verantwortlichkeit Calvins.
So lebt im Alltag unserer Kirchgemeinden eine stille Mischung dieser Einflüsse – nicht als starre Lehre, sondern als Haltung: nüchtern, aber hoffnungsvoll; kritisch, aber vertrauensvoll; schlicht, aber tief.
Weihnachten – Ankunft mitten im Alltag
Wenn der Advent das Warten ist, dann ist Weihnachten die Erfüllung.
Doch auch diese Erfüllung ist in der reformierten Sicht keine Flucht in Glanz und Rührung. Weihnachten ist nicht das Ende der Erwartung, sondern ihr Anfang in neuer Gestalt: Gott kommt, und er bleibt.
Zwingli hätte gesagt: Das wahre Licht kommt nicht aus den Lichtern der Stadt, sondern aus dem Wort, das uns trifft.
Haller hätte gemahnt: Freuet euch – aber haltet Mass.
Farel hätte gerufen: Verkündet es laut, Gott ist da!
Und Calvin hätte hinzugefügt: Lebt aus dieser Gnade, die euch verwandelt.
Weihnachten ist das Fest der Inkarnation, der Menschwerdung Gottes.
Wir feiern nicht nur eine Geschichte von damals, sondern eine Gegenwart, die uns trägt: Gott wird Mensch – auch in unserem Alltag, in unserer Welt, in unseren Beziehungen.
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Wie können wir als moderne reformierte Christinnen und Christen diese Zeit gestalten? Vielleicht so:
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• Mass halten: Advent als Gegenbewegung zur Überfülle.
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Synodalrat Ressort Kommunikation
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Editorial
Advent und Weihnachten zwischen Zwingli, Haller, Farel und Calvin
Interview mit Gilles Vullième, Pastoralpraktikant in Romont
Satire: Eine Kirche der Essiggurken
Neuigkeiten aus der Kirchenkanzlei
Pensionierung von Pfrn. Marianne Weymann
Neuigkeiten aus dem Konvent
Eine Reise nach Taizé
150 Jahre-Jubiläum reformierte Kirche Freiburg
Eine Literaturempfehlung aus der Fachstelle Bildung
Medientipps aus der Deutschsprachigen Mediathek für Didaktik und Pädagogik
Advent und Weihnachten zwischen Zwingli, Haller, Farel und Calvin
Interview mit Gilles Vullième, Pastoralpraktikant in Romont
Satire: Eine Kirche der Essiggurken
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Neuigkeiten aus dem Konvent
Eine Reise nach Taizé
150 Jahre-Jubiläum reformierte Kirche Freiburg
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