Satire: Eine Kirche der Essiggurken
In Romont, in der Kapelle der Abtei Fille-Dieu, dominiert eines der Glasfenster ein hübsches, pflanzenartiges Etwas in intensivem Grün. Das Motiv zieht die Blicke auf sich und animiert zu Kommentaren. So hört man am Ende einer Besichtigung nicht selten den Ausruf: «Aber… dieses Fenster zeigt ja eine Essiggurke!»
Heute ist die «Essiggurke» der Star der grossartigen Fenster-Serie des Künstlers Brian Clarke, den die Zisterzienserschwestern zur Zeit der Restaurierung ihrer Kapelle mutig ausgewählt hatten.
Lange Zeit dachte ich, dass der Begriff „Essiggurke” lediglich eine volkstümliche Bezeichnung für ein zeitgenössisches Kunstwerk sei. Ich musste mich jedoch mit dem Gedanken abfinden, dass dieses Glasfenster auch eine Warnung vor einer aktuellen Strömung in den Kirchen aller Konfessionen sein könnte: Religion aus dem Einmachglas.
Das Konzept des Einmachglases bedeutet, die eigene Spiritualität in Kreisen von Menschen zu leben, die die gleichen Überzeugungen haben wie man selbst. Es bedeutet, keine lauwarm-distanzierten Menschen mehr zu akzeptieren, kein Risiko mehr einzugehen, sich nicht mehr in den öffentlichen Medien zu äussern, ja, überhaupt nicht mehr zu politischen Themen Stellung zu nehmen. Die christliche Bewegung des Einmachglases meidet die Arena der Vielfalt. Sie umgeht das journalistische Feuer.
Sie übernimmt auch die Methoden privater Unternehmen, die sehr auf ihr Image achten. Ein Beispiel dafür sind die Kirchen, die ihre Kommunikationsabteilungen aufstocken. Ihre Botschaft ist ausschliesslich höflich, wobei, - wie zu erwarten ist- viel Wert auf Etikette gelegt wird.
Sicherlich, das Konzept des «gläsernen Behälters» bietet einige Vorteile.
- Es schützt: Im Kreis gleichgesinnter Menschen werden Meinungen bestätigt.
- Es bewahrt: In einem geschützten Umfeld werden Ideen sterilisiert.
Das Plädoyer für ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Islam, wie ich es in der Kirche schon gehört habe, oder der Kampf gegen die Einflüsse des „vorherrschenden Denkens” (das weniger das objektiv vorherrschende Denken ist als vielmehr ein Denken, das man bekämpfen will), wie ich es ebenfalls zur Kenntnis genommen habe, sind Beispiele für dieses Streben nach Schutz oder Bewahrung. Die Liste liesse sich verlängern.
Das Konzept des Einmachglases ist jedoch weit entfernt von einem Verständnis der Kirche, wie es im Johannesevangelium zum Ausdruck kommt: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt hinwegnimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.“ (17,15) und auch weit entfernt von der Sichtweise des Matthäusevangeliums: „Ihr seid das Salz der Erde“ (5,13). In beiden Fällen bleibt die Kirche mitten im Dorf und lässt dort weiterhin ihre Glocken läuten.
Indem sie sich in ein Glas zurückziehen, suchen sich die Christinnen und Christen ein künstliches Paradies. Sie geben den Kampf des Glaubens auf. Sie benehmen sich wie Essiggurken.
Ich betrachte das Fenster von Brian Clarke daher als Mahnmal gegen ein Christentum, das zum Essig der Welt geworden ist. Das Motiv thront im Kirchenschiff der Fille-Dieu wie ein Ausrufezeichen, damit die „Cornichon-Krankheit“ nicht zum vorherrschenden Trend der christlichen Glaubenspraxis wird.
Pierre-Philippe Blaser
Präsident des Synodalrats
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Heute ist die «Essiggurke» der Star der grossartigen Fenster-Serie des Künstlers Brian Clarke, den die Zisterzienserschwestern zur Zeit der Restaurierung ihrer Kapelle mutig ausgewählt hatten.
Lange Zeit dachte ich, dass der Begriff „Essiggurke” lediglich eine volkstümliche Bezeichnung für ein zeitgenössisches Kunstwerk sei. Ich musste mich jedoch mit dem Gedanken abfinden, dass dieses Glasfenster auch eine Warnung vor einer aktuellen Strömung in den Kirchen aller Konfessionen sein könnte: Religion aus dem Einmachglas.
Das Konzept des Einmachglases bedeutet, die eigene Spiritualität in Kreisen von Menschen zu leben, die die gleichen Überzeugungen haben wie man selbst. Es bedeutet, keine lauwarm-distanzierten Menschen mehr zu akzeptieren, kein Risiko mehr einzugehen, sich nicht mehr in den öffentlichen Medien zu äussern, ja, überhaupt nicht mehr zu politischen Themen Stellung zu nehmen. Die christliche Bewegung des Einmachglases meidet die Arena der Vielfalt. Sie umgeht das journalistische Feuer.
Sie übernimmt auch die Methoden privater Unternehmen, die sehr auf ihr Image achten. Ein Beispiel dafür sind die Kirchen, die ihre Kommunikationsabteilungen aufstocken. Ihre Botschaft ist ausschliesslich höflich, wobei, - wie zu erwarten ist- viel Wert auf Etikette gelegt wird.
Sicherlich, das Konzept des «gläsernen Behälters» bietet einige Vorteile.
- Es schützt: Im Kreis gleichgesinnter Menschen werden Meinungen bestätigt.
- Es bewahrt: In einem geschützten Umfeld werden Ideen sterilisiert.
Das Plädoyer für ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Islam, wie ich es in der Kirche schon gehört habe, oder der Kampf gegen die Einflüsse des „vorherrschenden Denkens” (das weniger das objektiv vorherrschende Denken ist als vielmehr ein Denken, das man bekämpfen will), wie ich es ebenfalls zur Kenntnis genommen habe, sind Beispiele für dieses Streben nach Schutz oder Bewahrung. Die Liste liesse sich verlängern.
Das Konzept des Einmachglases ist jedoch weit entfernt von einem Verständnis der Kirche, wie es im Johannesevangelium zum Ausdruck kommt: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt hinwegnimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.“ (17,15) und auch weit entfernt von der Sichtweise des Matthäusevangeliums: „Ihr seid das Salz der Erde“ (5,13). In beiden Fällen bleibt die Kirche mitten im Dorf und lässt dort weiterhin ihre Glocken läuten.
Indem sie sich in ein Glas zurückziehen, suchen sich die Christinnen und Christen ein künstliches Paradies. Sie geben den Kampf des Glaubens auf. Sie benehmen sich wie Essiggurken.
Ich betrachte das Fenster von Brian Clarke daher als Mahnmal gegen ein Christentum, das zum Essig der Welt geworden ist. Das Motiv thront im Kirchenschiff der Fille-Dieu wie ein Ausrufezeichen, damit die „Cornichon-Krankheit“ nicht zum vorherrschenden Trend der christlichen Glaubenspraxis wird.
Pierre-Philippe Blaser
Präsident des Synodalrats
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Editorial
Advent und Weihnachten zwischen Zwingli, Haller, Farel und Calvin
Interview mit Gilles Vullième, Pastoralpraktikant in Romont
Satire: Eine Kirche der Essiggurken
Neuigkeiten aus der Kirchenkanzlei
Pensionierung von Pfrn. Marianne Weymann
Neuigkeiten aus dem Konvent
Eine Reise nach Taizé
150 Jahre-Jubiläum reformierte Kirche Freiburg
Eine Literaturempfehlung aus der Fachstelle Bildung
Medientipps aus der Deutschsprachigen Mediathek für Didaktik und Pädagogik
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Interview mit Gilles Vullième, Pastoralpraktikant in Romont
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