Schwerpunkt Thema: Wer oder was ist der Mensch ?

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Wer oder was ist der Mensch? Wie kann die Kirche ihm neu begegnen?

Wer viel hat, braucht mehr. Doch bald ist auch dies nicht mehr ausreichend. Der Mensch lebt im Überfluss und ist sich dessen nicht bewusst. Oder nur manchmal, wenn er nachdenkt, wenn er in sich einkehrt. Dann fragt er sich nach dem Sinn des Lebens. Doch was ist sinnvoll? Die Suche geht los.

Anstatt sich nur mit den Defiziten der Menschen zu beschäftigen, beschreiten die Psychologen Martin Seligman und Christopher Peterson einen anderen Weg. Sie belichten das Gute im Menschen und orientieren sich dafür am Denken von Aristoteles. Für sie stehen die sechs Kerntugenden Weisheit, Mut, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mässigkeit und Transzendenz im Mittelpunkt. Bleibt die Frage offen, ob diese Kerntugenden in allen Kulturen anerkannt sind. Diese Frage kann heute mit einem klaren Ja beantwortet werden. Das ergab eine breit abgestützte Forschung. Was für das Christentum gilt, gilt beispielsweise auch für den Taoismus und für den Hinduismus.

Was Mässigkeit ist, dürfte nicht weiter auszuführen sein. Was verbirgt sich jedoch hinter der Transzendenz? Damit ist im christlichen Kontext die Überschreitung der menschlichen Grenzen hin zum Göttlichen gemeint. In der Philosophie umfasst der Begriff etwas, das sich der sinnlichen Wahrnehmung entzieht und ausserhalb von Erfahrung und Bewusstsein liegt. In der Religion dürfte eher von Spiritualität die Rede sein, die Ähnliches beschreibt. Meditieren wir Menschen, erfahren wir mehr über uns selbst und öffnen uns neue Wege, die eine Spur zum Sinn des Lebens bahnen können.

Sprechen wir von der Sinn-Ökonomie, sind wir bei einem Megatrend angekommen, der uns Menschen bewegt. Die Kirche tut gut daran, sich in diesem Umfeld zu positionieren. Das ist gar nicht so einfach, weil die Konkurrenz aus der säkularen Welt gross ist. Ein Beispiel dafür ist das Konzept der Achtsamkeit. Sie soll zur inneren Ruhe, zur klaren Wahrnehmung und zu einer emotionalen Balance führen. Auch das sinnorientierte Coaching soll helfen oder die neusten Erkenntnisse aus der Neurobiologie und Gehirnforschung. Führt uns das nicht wieder zur Frage zurück, was der Mensch ist?

Sieht sich der Mensch in Anbetracht der Natur, kommt er sich klitzeklein vor und lechzt nach Sicherheit, einem weiteren Megatrend. Auch Veränderungen werden oft als Bedrohung wahrgenommen. Wir müssen vertraute Pfade verlassen. Da lauern Risiken. Wer bewegt sich schon gerne aus der Komfortzone? Was ist der Kern des Neuen? Bin ich ihm gewachsen? Was gibt mir Sicherheit?

Da ist die Wissenschaft. Sie zeigt auf, will alles erklären, stösst damit an Grenzen, die der Mensch kaum je überschreiten kann. Da ist ein junger Mann. Er ist enttäuscht, weiss nicht mehr, was richtig oder falsch ist. Er zweifelt – er ist unsicher. Da beschäftigt ihn die Frage, ob es Gott überhaupt gibt. Dieser Frage will er nachgehen. Dafür sucht er die Abgeschiedenheit in der Natur. Pfarrer Stephan Urfer beschreibt in seinem ersten Buch «Das Haus im Himmel»* die bewegende Geschichte dieses Mannes.

Wie kann nun die Evangelisch-reformierte Kirche all dem begegnen? Vielleicht indem sie eine Ruheinsel für die gestressten und vom Überfluss geplagten Menschen schafft. Vielleicht indem sie Sicherheit in einer unsicheren Welt schafft. Vielleicht indem sie ein Auffangnetz für sozial Schwächere schafft. Vielleicht indem sie Krisen wahrheitsgetreu begegnet und sie nicht klein redet. Vielleicht, indem sie das, was in der Bibel steht, studiert und für die Gegenwart und Zukunft adaptiert.

Vieles unternimmt die Kirche bereits, doch sie kommuniziert zu wenig, was sie tut. Sie steht vor einer immensen Aufgabe. Diese kann sie nur bewältigen, wenn sie neue Wege erkundet und begeht. Darin liegen enorme Chancen.

Benjamin Stupan
Synodalrat
Ressort Kommunikation


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