Editorial

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Mit Achtsamkeit unterwegs

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Für diese Fastenzeit denke ich weniger an Verzichtsleistung als an Haltungen: wie wir einander begegnen, wie wir mit Nähe, mit Hunger, mit Glauben umgehen. Dieser Lettre R lädt dazu ein, bei sich selbst zu beginnen – bei den eigenen Grenzen, Gewohnheiten, dem eigenen Blick auf die Welt.

Mein Leitartikel erinnert daran, wie schnell im kirchlichen Alltag Grenzen überschritten werden können: beim Begrüssen, im Lager, im Büro. Entscheidend ist nicht, wie ich etwas meine, sondern wie es bei der anderen Person ankommt. Ein Schutzkonzept bleibt abstrakt, wenn es nicht bei mir beginnt: in meiner Achtsamkeit, in der Bereitschaft, mir etwas sagen zu lassen und im Team über Unsicherheiten zu sprechen.

Fasten meint in diesem Lettre R mehr als Verzicht. Es geht ums Innehalten und um die Korrektur des Blicks – persönlich und global. Materialien zur ökumenischen Kampagne «Zukunft säen» laden ein, Hunger, Saatgut, Klima und Gerechtigkeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu thematisieren. Ein Artikel von Mission 21 verbindet christliche Fastenzeit und Ramadan als gemeinsame Suche nach Klarheit und einer bewussteren Haltung sich selbst und anderen gegenüber.

Weitere Beiträge vertiefen, wie Glaube im Alltag tragen kann: Ein Roman, ausgezeichnet mit dem Evangelischen Buchpreis, erzählt von einer Frau, die durch Krisen hindurch ihre Menschlichkeit bewahrt; Blumen werden zu Zeichen von Trost und Schönheit mitten im Schweren.
Im Interview beschreibt eine Pfarrerin ihren Glauben als fliessende Bewegung im Alltag – im Unterwegssein, in kleinen Ritualen, im aufmerksamen Vertrauen. Eine Wanderausstellung mit Jesusbildern von Kindern und Jugendlichen zeigt, wie nah, menschlich und freundlich Christus heute wahrgenommen wird.

Schliesslich weiten die protokollarischen Neujahrswünsche den Horizont: Sie sprechen von den „scrupules“, den kleinen Steinen im Schuh, die uns an das Leid dieser Welt erinnern und laden ein, von der „Bergtour der Erfolge“ in die „Vallée de l’être“ hinabzusteigen – dorthin, wo Menschen einander auf Augenhöhe begegnen, wo Fragen, Verletzlichkeit und Solidarität Platz haben. Dort, in dieser Tiefe, gewinnt auch der Glaube an Profil.

Ich wünsche mir, dass dieser Lettre R ermutigt, die Fastenzeit als Weg nach innen zu verstehen: hin zu mehr Achtsamkeit für Grenzen, zu einem wachen Blick für Hunger und Ungerechtigkeit, zu einer geerdeten, alltagstauglichen Spiritualität. Vielleicht entdecken Sie beim Lesen und Nachdenken einen kleinen „scrupule“, der Sie nicht in Ruhe lässt – und der gerade so zum Anfang einer heilsamen Veränderung wird.

Benjamin Stupan
Synodalrat
Ressort Kommunikation


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