„Schwebende Lasten“

Bild wird geladen...
Literaturempfehlung aus der Fachstelle Bildung

Die Autorin Annett Gröschner erhält für ihren Roman „Schwebende Lasten“ den deutschen Evangelischen Buchpreis 2026.

«Schwebende Lasten» erzählt die Lebensgeschichte einer Magdeburger Arbeiterin. Es ist «die Geschichte der Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna Krause, die zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt hat, die bis auf ein paar Monate in Berlin der frühen 1930er Jahre nie aus Magdeburg herauskam, sechs Kinder geboren hat und zwei davon nicht begraben konnte, was ihr naheging bis zum Lebensende. Die unter einer Kirche verschüttet und jeglicher Güter beraubt wurde, die ihren einbeinigen und im Alter stummen Mann Karl, der nach der Schicht im Stahlwerk in die Kneipe musste, weil er kein Flaschenbier vertrug und gerne Skat spielte, auf dem Rücken durch die Welt trug und die jede Woche sechs Haufen Wäsche vor ihren Füssen hatte. Die später, nachdem ihr Blumenladen im Knattergebirge genannten Armenviertel der Stadt längst Geschichte war, von einem Kran der Halle eines Schwermaschinenbaubetriebs einen guten Überblick auf die Beziehungen der Menschen unter ihr hatte und die rechtzeitig starb, bevor sie die Welt nicht mehr verstand.» (S. 6)

Die Figur Hanna Krause ist eine beeindruckende Heldin, deren Grösse im Durchhalten und Weitermachen liegt und die trotz aller Krisen, Rückschläge, Veränderungen und Umbrüche nie ihre Menschlichkeit verliert. Ihr Leben, in dem sich ein Jahrhundert deutscher Geschichte spiegelt, ist geprägt von Arbeit und Fürsorge, von Verlusten und der Frage, wie man täglich über die Runden kommt. Man könnte es trist nennen, wären da nicht die Blumen. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch Hannas Leben und durch den Text. Sie bilden einen Kontrast zur nüchternen Sprache des Romans und geben ihm eine äussere Struktur: Jedes der Kapitel ist mit einem Blumen- oder Insektennamen aus einem Barockgemälde überschrieben, das Hanna zufällig gesehen hat, und das sie ihr Leben lang fasziniert. Die Blumen symbolisieren Trost und Schönheit, die Unmöglichkeit des gemalten Strausses (Rosen und Tulpen blühen nicht zur selben Zeit) ist gleichzeitig Symbol der Vergänglichkeit.

Franziska Grau Salvisberg
Co-Leiterin Fachstelle Bildung


Newsletter - Inhaltsverzeichnis