Verantwortung für Grenzen im kirchlichen Alltag - das Schutzkonzept beginnt bei mir
Grenzverletzungen beginnen im Alltag – mitten im ganz normalen Miteinander. Sie entstehen beim Begrüssen, beim Plaudern nach dem Gottesdienst, im Lager, im Büro, in der Teamsitzung. Was für die einen Ausdruck von Herzlichkeit ist, kann für andere bereits zu viel sein. Entscheidend ist nicht, wie ich mein Verhalten meine, sondern wie es bei der anderen Person ankommt.
Unterschiedliche Grenzen ernst nehmen
Jeder Mensch hat eigene Grenzen – geprägt durch Biografie, Kultur, Erfahrungen und aktuelle Verfassung.
Für die einen gehören drei Küsschen selbstverständlich dazu, für andere sind sie unangenehm oder schlicht zu nah. Jemand freut sich über eine spontane Umarmung, jemand anderes zieht sich innerlich zurück. Wenn ein Mensch sagt oder zeigt: „Das ist mir zu viel“, ist das kein Zeichen von Prüderie oder Überempfindlichkeit. Es ist ein legitimer Selbstschutz. Diese Grenze verdient Respekt – nicht Spott, nicht Augenrollen, nicht das Etikett „Du bist aber heikel“.
Bei mir selbst beginnen
Es greift zu kurz, die Erwartung einfach umzudrehen und zu sagen: „Die andere Person soll halt klar sagen, was ihr zu viel ist.“ In vielen Situationen ist es schwer, sich zu wehren: aus Höflichkeit, aus Unsicherheit, aus Respekt vor einer Funktion oder einem Amt. Darum liegt die Verantwortung zuerst bei mir.
Verantwortung übernehmen heisst:
• achtsam sein: Ich frage mich, welche Wirkung meine Geste, mein Spruch, meine Nähe haben könnte.
• eigenes Verhalten reflektieren: Suche ich Nähe, weil sie der anderen Person guttut – oder weil sie mir guttut?
• nachfragen: „War das für dich stimmig?“ oder „Bitte sag mir, wenn dir etwas zu viel ist.“
So entsteht ein Klima, in dem Grenzen nicht nur „ertragen“, sondern ausgesprochen und gehört werden können.
Alltägliche Grenzverletzungen benennen – ohne zu dramatisieren
Grenzverletzungen im Alltag sind an sich nichts Aussergewöhnliches. Sie passieren schnell, oft unabsichtlich: ein Witz auf Kosten einer Person, ein Kommentar zum Aussehen, eine Berührung, die nicht nötig ist. Sie haben in der Regel nichts mit strafbaren Taten zu tun.
Problematisch werden sie dort, wo sie:
• nicht wahrgenommen werden,
• verharmlost werden („Ist doch nichts gewesen“),
• ins Lächerliche gezogen werden („Stell dich nicht so an“).
Wer eine irritierende Situation wahrnimmt, darf und soll sie benennen – auch im Nachhinein: „Vorhin bei der Begrüssung habe ich gemerkt, dass mich das irritiert hat. Wie hast du das erlebt?“ So wird der Alltag zum Lernfeld, in dem wir miteinander üben, wie Nähe und Respekt zusammengehen.
Rolle klären: privat oder im Amt?
So unspektakulär es klingt: Es macht einen Unterschied, ob ich als Privatperson unterwegs bin oder in einer Rolle – etwa als Pfarrperson, Diakonin, Jugendarbeiter, Mitglied einer Kirchenbehörde. In solchen Funktionen stehen Menschen unter besonderer Beobachtung, geniessen Vertrauen und vertreten die Kirche.
Ein klares Rollenverständnis heisst:
• Ich bin mir bewusst, dass meine Gesten und Worte in einer Amtsrolle anders gewichtet werden.
• Ich verzichte in dieser Rolle eher auf körperliche Nähe und zweideutige Bemerkungen – gerade im Kontakt mit Kindern, Jugendlichen und Menschen in seelischen Krisen.
• Ich wähle Formen der Begrüssung und des Umgangs, die transparent, nachvollziehbar und für alle gut tragbar sind.
Weniger ist mehr – für tragfähige Nähe
„Weniger ist mehr“ bedeutet nicht Distanziertheit um der Distanz willen. Es öffnet Raum für Nähe, die tragfähig ist, weil sie bewusst gestaltet und klar begrenzt ist.
Dazu gehört
• sich selbst immer wieder zu fragen: „Bin ich noch im Rahmen dessen, was ich verantworten kann?“
• Rückmeldungen nicht abzuwehren, sondern anzunehmen: „Danke, dass du mir das sagst. Ich möchte daraus lernen.“
• im Team Gesprächsräume zu schaffen, in denen man miteinander über Grenzerfahrungen, Unsicherheiten und blinde Flecken reden kann.
So entsteht Schritt für Schritt eine Kultur der Achtsamkeit. Ein Schutzkonzept auf Papier ist wichtig – aber das eigentliche Schutzkonzept beginnt bei mir, in meinem Denken, Fühlen und Handeln, Tag für Tag, in den scheinbar kleinen Situationen.
Die ERKF wird unter Einbezug verschiedener Zielgruppen einen Verhaltenskodex erarbeiten und veröffentlichen, der als gemeinsame Orientierung für alle gilt.
Benjamin Stupan
Synodalrat Ressort Kommunikation
Newsletter - Inhaltsverzeichnis
Unterschiedliche Grenzen ernst nehmen
Jeder Mensch hat eigene Grenzen – geprägt durch Biografie, Kultur, Erfahrungen und aktuelle Verfassung.
Für die einen gehören drei Küsschen selbstverständlich dazu, für andere sind sie unangenehm oder schlicht zu nah. Jemand freut sich über eine spontane Umarmung, jemand anderes zieht sich innerlich zurück. Wenn ein Mensch sagt oder zeigt: „Das ist mir zu viel“, ist das kein Zeichen von Prüderie oder Überempfindlichkeit. Es ist ein legitimer Selbstschutz. Diese Grenze verdient Respekt – nicht Spott, nicht Augenrollen, nicht das Etikett „Du bist aber heikel“.
Bei mir selbst beginnen
Es greift zu kurz, die Erwartung einfach umzudrehen und zu sagen: „Die andere Person soll halt klar sagen, was ihr zu viel ist.“ In vielen Situationen ist es schwer, sich zu wehren: aus Höflichkeit, aus Unsicherheit, aus Respekt vor einer Funktion oder einem Amt. Darum liegt die Verantwortung zuerst bei mir.
Verantwortung übernehmen heisst:
• achtsam sein: Ich frage mich, welche Wirkung meine Geste, mein Spruch, meine Nähe haben könnte.
• eigenes Verhalten reflektieren: Suche ich Nähe, weil sie der anderen Person guttut – oder weil sie mir guttut?
• nachfragen: „War das für dich stimmig?“ oder „Bitte sag mir, wenn dir etwas zu viel ist.“
So entsteht ein Klima, in dem Grenzen nicht nur „ertragen“, sondern ausgesprochen und gehört werden können.
Alltägliche Grenzverletzungen benennen – ohne zu dramatisieren
Grenzverletzungen im Alltag sind an sich nichts Aussergewöhnliches. Sie passieren schnell, oft unabsichtlich: ein Witz auf Kosten einer Person, ein Kommentar zum Aussehen, eine Berührung, die nicht nötig ist. Sie haben in der Regel nichts mit strafbaren Taten zu tun.
Problematisch werden sie dort, wo sie:
• nicht wahrgenommen werden,
• verharmlost werden („Ist doch nichts gewesen“),
• ins Lächerliche gezogen werden („Stell dich nicht so an“).
Wer eine irritierende Situation wahrnimmt, darf und soll sie benennen – auch im Nachhinein: „Vorhin bei der Begrüssung habe ich gemerkt, dass mich das irritiert hat. Wie hast du das erlebt?“ So wird der Alltag zum Lernfeld, in dem wir miteinander üben, wie Nähe und Respekt zusammengehen.
Rolle klären: privat oder im Amt?
So unspektakulär es klingt: Es macht einen Unterschied, ob ich als Privatperson unterwegs bin oder in einer Rolle – etwa als Pfarrperson, Diakonin, Jugendarbeiter, Mitglied einer Kirchenbehörde. In solchen Funktionen stehen Menschen unter besonderer Beobachtung, geniessen Vertrauen und vertreten die Kirche.
Ein klares Rollenverständnis heisst:
• Ich bin mir bewusst, dass meine Gesten und Worte in einer Amtsrolle anders gewichtet werden.
• Ich verzichte in dieser Rolle eher auf körperliche Nähe und zweideutige Bemerkungen – gerade im Kontakt mit Kindern, Jugendlichen und Menschen in seelischen Krisen.
• Ich wähle Formen der Begrüssung und des Umgangs, die transparent, nachvollziehbar und für alle gut tragbar sind.
Weniger ist mehr – für tragfähige Nähe
„Weniger ist mehr“ bedeutet nicht Distanziertheit um der Distanz willen. Es öffnet Raum für Nähe, die tragfähig ist, weil sie bewusst gestaltet und klar begrenzt ist.
Dazu gehört
• sich selbst immer wieder zu fragen: „Bin ich noch im Rahmen dessen, was ich verantworten kann?“
• Rückmeldungen nicht abzuwehren, sondern anzunehmen: „Danke, dass du mir das sagst. Ich möchte daraus lernen.“
• im Team Gesprächsräume zu schaffen, in denen man miteinander über Grenzerfahrungen, Unsicherheiten und blinde Flecken reden kann.
So entsteht Schritt für Schritt eine Kultur der Achtsamkeit. Ein Schutzkonzept auf Papier ist wichtig – aber das eigentliche Schutzkonzept beginnt bei mir, in meinem Denken, Fühlen und Handeln, Tag für Tag, in den scheinbar kleinen Situationen.
Die ERKF wird unter Einbezug verschiedener Zielgruppen einen Verhaltenskodex erarbeiten und veröffentlichen, der als gemeinsame Orientierung für alle gilt.
Benjamin Stupan
Synodalrat Ressort Kommunikation
Newsletter - Inhaltsverzeichnis
Editorial
Verantwortung für Grenzen im kirchlichen Alltag - das Schutzkonzept beginnt bei mir
Interview mit Pfarrerin Andrea Mösching
Zeremonieller Austausch von Neujahrswünschen 2026
Mission 21: «Fasten – mehr als Verzicht»
„Schwebende Lasten“
Wanderausstellung: Nicäa
Einblicke in Kirchgemeindeleben: Bösingen
Einblicke in Kirchgemeindeleben: Cordast
Ökumenische Gebets- und Andachtsfeier in Kerzers
Medientipps aus der Deutschsprachigen Mediathek für Didaktik und Pädagogik
Verantwortung für Grenzen im kirchlichen Alltag - das Schutzkonzept beginnt bei mir
Interview mit Pfarrerin Andrea Mösching
Zeremonieller Austausch von Neujahrswünschen 2026
Mission 21: «Fasten – mehr als Verzicht»
„Schwebende Lasten“
Wanderausstellung: Nicäa
Einblicke in Kirchgemeindeleben: Bösingen
Einblicke in Kirchgemeindeleben: Cordast
Ökumenische Gebets- und Andachtsfeier in Kerzers
Medientipps aus der Deutschsprachigen Mediathek für Didaktik und Pädagogik