Gastbericht oeku: Schöpfungszeit
Gärtnerinnen und Gärtner im Paradies
Mit der Biodiversität nimmt der Verein «oeku Kirchen für die Umwelt» für die SchöpfungsZeit 2024 eine unserer wichtigsten Lebensgrundlagen in den Blick. Die oeku bezieht sich dabei auf die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG) der UNO, insbesondere auf Ziel 15 «Leben an Land». Zusammenfassend nennt die UNO hier den Schwund der Biodiversität, das Insektensterben und das Verschwinden der Lebensräume durch den Einfluss von uns Menschen als Herausforderungen. Dass der Schwund der Arten unsere Zukunft bedroht, wird immer mehr bewusst.
Um möglichst viel Land für die landwirtschaftliche Produktion gewinnen zu können, haben wir auch in der Schweiz seit 1850 über 90 Prozent unserer Feuchtgebiete zerstört. Genannt wurde dieses Vorgehen «Melioration – (Boden-)Verbesserung». Dass dabei die Lebensgrundlage für viele Pflanzen und Tiere zerstört worden ist, wird erst heute schmerzlich bewusst. Durch die Trockenlegungen, die immer intensivere Bewirtschaftung, den Einsatz von Dünger und Pestiziden verschwinden Insekten und mit ihnen auch Vögel, Fische, Amphibien und vielerlei Pflanzen. Dazu kommt die Zersiedelung der Landschaft durch Verkehrswege, Wohn- und Industriebauten. Und die verbliebenen Reste an Natur sind meist zu isoliert, um langfristig Bestand zu haben.
Heute gibt es dazu glücklicherweise eine Gegenbewegung. Flussläufe werden nicht mehr «melioriert», sondern aufwendig «renaturiert», damit Pflanzen und Tiere wieder mehr Raum erhalten, damit Ausgleichsflächen bei Trocken- oder Überschwemmungsperioden vorhanden sind. Bei all den früheren «Verbesserungsmassnahmen» haben wir Menschen zu sehr unser direktes Eigeninteresse im Blick gehabt. Die Lebensrechte anderer Geschöpfe wurden und werden bis heute zu oft missachtet – wir haben keine «Lizenz zum Töten» (James Bond), sondern den Auftrag, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren (Gen 2,15).
Eine neue Grundhaltung
Viele werden mit Befremden reagieren, wenn heute in Kirchen Pflanzen und Tiere zum Thema werden. Denn die Kirche ist doch in erster Linie für uns Menschen da. Oder etwa nicht? Interessant ist der Blick in die Bibel. Gott freut sich schon in den ersten Versen über die von ihm geschaffene Vielfalt – lange vor der Erschaffung des Menschen – wenn bemerkt wird: «Gott sah, dass es gut war.» Und Papst Franziskus hat mit seiner Enzyklika Laudato Si nachgedoppelt: «Unseretwegen können bereits tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen, noch uns ihre Botschaft vermitteln. Dazu haben wir kein Recht.» Es ist neu, dass ein päpstliches Schreiben auf diese Weise den Verlust an Biodiversität beklagt. Ein Blickwechsel, eine Umkehr sind vonnöten, wenn wir die biblischen Texte ernst nehmen. Der Mensch ist nach biblischer Anschauung nämlich nicht ein Herrscher über die Natur, sondern ein Teil von ihr, Geschöpf unter Geschöpfen, eine Art unter vielen Arten. Mit den Worten des Theologen Albert Schweizer: «Ich bin. Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.» Bildlich gesprochen haben wir nach den biblischen Schriften die Rolle von Gärtnerinnen und Gärtnern in der Schöpfung.
Die Rolle der Kirchen
Unsere Aufgabe ist nicht, das Letzte aus der Natur herauszuholen, sondern unsere Existenz zu sichern und gleichzeitig der Schöpfung Zukunft zu ermöglichen. Eigentlich würde es nahe liegen, dass christliche Kirchen sich gemeinsam mit anderen Religionen und den Umweltorganisationen gegen die Zerstörung der Natur, unserer Mitwelt, wehren. Notwendig sind Umkehr, Mässigung und mehr Respekt ihr gegenüber. Als Einzelne und als Kirchgemeinden haben wir allerhand Möglichkeiten mitzuhelfen, das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Biodiversität zu schärfen. Zudem können wir einen wichtigen Beitrag leisten, indem wir die ursprüngliche Vielfalt in unserer Umgebung wiederbeleben. Mit ihrem meist historischen Gebäudebestand, ihren Liegenschaften und auf den umgebenden Flächen sind Kirchen schon heute Hüterinnen der Artenvielfalt. Mit den Fledermausbeständen in Kirchtürmen und Dachstöcken, mit Nistmöglichkeiten für Segler, Falken, Schwalben, Eulen usw. sind kirchliche Gebäude wertvolle Oasen der Biodiversität. Wenn die Kirchen für sich entdecken, dass sie hier eine Aufgabe haben, die über das soziale Engagement hinausgeht, ist viel gewonnen. Denn nach biblischem Verständnis sind wir Menschen von Gott eingesetzte Gärtnerinnen und Gärtner im Paradiesgarten und damit Hüterinnen und Hüter der Biodiversität. Höchste Zeit, dass wir uns auf diese Rolle zurückbesinnen und während der SchöpfungsZeit im September auch in Gottesdiensten davon sprechen. Denn wie könnten wir Menschen ohne die Geschöpfe, ohne Pflanzen, Tiere und Mitmenschen in ihrer ganzen Vielfalt (über)leben?
» oeku.ch/schoepfungszeit/
Kurt Zaugg-Ott
Co-Leiter der Fachstelle oeku Kirchen für die Umwelt in Bern
Newsletter - Inhaltsverzeichnis
Mit der Biodiversität nimmt der Verein «oeku Kirchen für die Umwelt» für die SchöpfungsZeit 2024 eine unserer wichtigsten Lebensgrundlagen in den Blick. Die oeku bezieht sich dabei auf die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG) der UNO, insbesondere auf Ziel 15 «Leben an Land». Zusammenfassend nennt die UNO hier den Schwund der Biodiversität, das Insektensterben und das Verschwinden der Lebensräume durch den Einfluss von uns Menschen als Herausforderungen. Dass der Schwund der Arten unsere Zukunft bedroht, wird immer mehr bewusst.
Um möglichst viel Land für die landwirtschaftliche Produktion gewinnen zu können, haben wir auch in der Schweiz seit 1850 über 90 Prozent unserer Feuchtgebiete zerstört. Genannt wurde dieses Vorgehen «Melioration – (Boden-)Verbesserung». Dass dabei die Lebensgrundlage für viele Pflanzen und Tiere zerstört worden ist, wird erst heute schmerzlich bewusst. Durch die Trockenlegungen, die immer intensivere Bewirtschaftung, den Einsatz von Dünger und Pestiziden verschwinden Insekten und mit ihnen auch Vögel, Fische, Amphibien und vielerlei Pflanzen. Dazu kommt die Zersiedelung der Landschaft durch Verkehrswege, Wohn- und Industriebauten. Und die verbliebenen Reste an Natur sind meist zu isoliert, um langfristig Bestand zu haben.
Heute gibt es dazu glücklicherweise eine Gegenbewegung. Flussläufe werden nicht mehr «melioriert», sondern aufwendig «renaturiert», damit Pflanzen und Tiere wieder mehr Raum erhalten, damit Ausgleichsflächen bei Trocken- oder Überschwemmungsperioden vorhanden sind. Bei all den früheren «Verbesserungsmassnahmen» haben wir Menschen zu sehr unser direktes Eigeninteresse im Blick gehabt. Die Lebensrechte anderer Geschöpfe wurden und werden bis heute zu oft missachtet – wir haben keine «Lizenz zum Töten» (James Bond), sondern den Auftrag, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren (Gen 2,15).
Eine neue Grundhaltung
Viele werden mit Befremden reagieren, wenn heute in Kirchen Pflanzen und Tiere zum Thema werden. Denn die Kirche ist doch in erster Linie für uns Menschen da. Oder etwa nicht? Interessant ist der Blick in die Bibel. Gott freut sich schon in den ersten Versen über die von ihm geschaffene Vielfalt – lange vor der Erschaffung des Menschen – wenn bemerkt wird: «Gott sah, dass es gut war.» Und Papst Franziskus hat mit seiner Enzyklika Laudato Si nachgedoppelt: «Unseretwegen können bereits tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen, noch uns ihre Botschaft vermitteln. Dazu haben wir kein Recht.» Es ist neu, dass ein päpstliches Schreiben auf diese Weise den Verlust an Biodiversität beklagt. Ein Blickwechsel, eine Umkehr sind vonnöten, wenn wir die biblischen Texte ernst nehmen. Der Mensch ist nach biblischer Anschauung nämlich nicht ein Herrscher über die Natur, sondern ein Teil von ihr, Geschöpf unter Geschöpfen, eine Art unter vielen Arten. Mit den Worten des Theologen Albert Schweizer: «Ich bin. Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.» Bildlich gesprochen haben wir nach den biblischen Schriften die Rolle von Gärtnerinnen und Gärtnern in der Schöpfung.
Die Rolle der Kirchen
Unsere Aufgabe ist nicht, das Letzte aus der Natur herauszuholen, sondern unsere Existenz zu sichern und gleichzeitig der Schöpfung Zukunft zu ermöglichen. Eigentlich würde es nahe liegen, dass christliche Kirchen sich gemeinsam mit anderen Religionen und den Umweltorganisationen gegen die Zerstörung der Natur, unserer Mitwelt, wehren. Notwendig sind Umkehr, Mässigung und mehr Respekt ihr gegenüber. Als Einzelne und als Kirchgemeinden haben wir allerhand Möglichkeiten mitzuhelfen, das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Biodiversität zu schärfen. Zudem können wir einen wichtigen Beitrag leisten, indem wir die ursprüngliche Vielfalt in unserer Umgebung wiederbeleben. Mit ihrem meist historischen Gebäudebestand, ihren Liegenschaften und auf den umgebenden Flächen sind Kirchen schon heute Hüterinnen der Artenvielfalt. Mit den Fledermausbeständen in Kirchtürmen und Dachstöcken, mit Nistmöglichkeiten für Segler, Falken, Schwalben, Eulen usw. sind kirchliche Gebäude wertvolle Oasen der Biodiversität. Wenn die Kirchen für sich entdecken, dass sie hier eine Aufgabe haben, die über das soziale Engagement hinausgeht, ist viel gewonnen. Denn nach biblischem Verständnis sind wir Menschen von Gott eingesetzte Gärtnerinnen und Gärtner im Paradiesgarten und damit Hüterinnen und Hüter der Biodiversität. Höchste Zeit, dass wir uns auf diese Rolle zurückbesinnen und während der SchöpfungsZeit im September auch in Gottesdiensten davon sprechen. Denn wie könnten wir Menschen ohne die Geschöpfe, ohne Pflanzen, Tiere und Mitmenschen in ihrer ganzen Vielfalt (über)leben?
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Kurt Zaugg-Ott
Co-Leiter der Fachstelle oeku Kirchen für die Umwelt in Bern
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Editorial: Sommerzeit – Zeit zum Nachdenken?
Tod in Sarajevo – wo die Macht hinführen kann
Schwerpunkt Thema: Umweltschutz, ein heilsamer Weg zur Natur
Kirchensteuern für Unternehmen: Es steht viel auf dem Spiel!
GEKE: Vorbereitungstreffen 28.05.2024
Wandern einmal ganz anders – auf den Spuren der Hugenotten
Gastbericht oeku: Schöpfungszeit
Kirchengeschichte in Konstanz, auf der Klosterinsel Reichenau oder mit Podcast erleben
Zukunftswerkstatt Katechese und Gemeindepädagogik
Jubiläumsanlässe in Courtion, Kleinbösingen und Cordast
Medientipps aus dem Dokumentationszentrum der PH Freiburg
Tod in Sarajevo – wo die Macht hinführen kann
Schwerpunkt Thema: Umweltschutz, ein heilsamer Weg zur Natur
Kirchensteuern für Unternehmen: Es steht viel auf dem Spiel!
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Medientipps aus dem Dokumentationszentrum der PH Freiburg