Kolumne: Die unerwartete Renaissance der Schrumpfköpfe

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Man hielt sie für verbannt in die Tiefen der anthropologischen Abteilungen von Universitätsbibliotheken, die Schrumpfkopfmacher: Nun erleben sie dank der Technik eine Wiedergeburt.

Früher haben die Shuar-Krieger im Amazonas-Regenwald die Schädel ihrer Feinde geschickt geschrumpft. Diese Tätigkeit haben sie zwar heute eingestellt, die Anleitung dafür ist aber durchgesickert. Andere übernahmen das Konzept, sodass Schrumpfköpfe heute im Trend liegen.
Die neuen Anwender der Praktik haben ihr Vorgehen, ihre Methoden dematerialisiert und den Fokus vom Schädel auf den darin ruhenden Geist verlagert. Ihre Opfer lassen sie nun am Leben, sie verringern lediglich deren Fähigkeiten, die Welt zu verstehen.

Wie einst den Krieger des Waldes gelingt es den heutigen Schrumpfkopfmacher den Geist ihrer Opfer einzuschliessen und sich ihrer Kraft zu bemächtigen. Aber, und das ist der grosse Fortschritt, sie schaffen es jetzt, die Köpfe, die sie geschrumpft haben, zum Sprechen zu bringen.

Schauen wir uns das Vorgehen genauer an:

Anstatt wie früher die Köpfe mit heissen Steinen zu füllen, stopft man sie nun mit einfachen Ideen voll. Das ist eine grosse Aufgabe. Kommunikationsunternehmen werden damit betraut, Lobbys setzen die Mittel ein.

Kaum ist der Vorgang des Abfüllens erledigt, geben die neuen Schrumpfkopfmacher den reduzierten Köpfen folgende Anweisung: „Wenn ihr auf euren Kanälen sprecht, lasst es so aussehen, als seien die simplen Ideen, die wir euch eingetrichtert haben, eure eigenen“! Und damit stellt er sich ein, der unerwartete neue Erfolg der Schrumpfkopfmacher.

Hier einige Highlights aus der Schrumpfkopf-Produktion:

Klimakrise: Die Geist-Reduzierer haben den methodischen Zweifel (zu mühsam, zu anspruchsvoll) durch den ideologischen Zweifel (Zweifel aus Prinzip, ohne Überprüfungen) ersetzt und den Klimaskeptizimus erfunden. Er lässt eine Horde von Faulpelzen als Spezialisten erscheinen und gibt ihnen die Möglichkeit, unliebsame wissenschaftliche Informationen zu zertrampeln. Herausragendes Beispiel: Scott Morisson, ehemaliger australischer Minister.

Freie Meinungsäusserung: Die Geist-Reduzierer verwechseln allenfalls Frustrierte mit den wirklich Unterdrückten und stellen neue Forderungen. So wollen etwa männliche Personen, die sich durch die Spitzen des Feminismus provoziert fühlen, Zertifikat für weibliche Benachteiligung sehen, Fremdenfeinde, die wegen ihrer Hasstiraden angezeigt werden, stellen sich als Opfer der Zensur dar. Prototypen hier: Ismaïl Ouslimani, virilistischer Videokünstler; Elon Musk, Gestikulator und zukünftiger Marsianer.

Religion: Geist-Reduzierer verwandeln die biblische Apokalypse in eine Sammlung wahrsagerischer Behauptungen und gebärden sich als bibeltreuen Nachfolger von Nostradamus. Ihre superluziden Interpretationen der Apokalypse verdanken ihren Erfolg der Angst, die sie schüren. Paradebeispiel hier: Pastor Greg Laurie, Autor des Videos «Harmagedon, China und die zwei Zeugen».

Die Mechanismen der neuen Schrumpfkopfherstellung lassen nun also die Köpfe der Menschen kleiner werden, um sie der reduzierte Weltsicht, die sie darin sehen wollen, anzupassen.

In früheren Jahrhunderten hatte man sich auf die Vergrösserung der Köpfe konzentriert: Man dachte, die Kinder sollten ihren kritischen Sinn entwickeln, ihr Gedächtnis ausbauen, ihre Emotionen bewusster wahrnehmen und die Welt besser verstehen.

Genau das nämlich war das Bestreben der Kultur, der Forscherinnen und Schriftstellerinnen und der biblischen Sprüche. Das war auch die Selbstliebe, die Jesus propagierte. Es ging ihr darum, die persönliche Intelligenz zu steigern. Damit jemand, der Ohren hat, besser hören kann.

Pierre-Philippe Blaser
Präsident des Synodalrats

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