Die Pflege aus der Perspektive der «Care-Ethik» gesamthaft überdenken

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Wie uns die Schlagzeilen regelmässig in Erinnerung rufen, steht das Schweizer Gesundheitssystem 2026 unter Druck. Es gibt verschiedene Gründe, die das Gesundheitssystem vor grössere Herausforderungen stellen: explodierende Gesundheitskosten, kritischer Mangel an Pflegepersonal (bis 2029 werden weitere 70'000 Pflegekräfte benötigt, um die Ablösung sicherzustellen), eine alternde Bevölkerung.

Angesichts dieser beispiellosen Krise schlage ich vor, einen Schritt zurück zu machen und uns mit jener Denkweise zu befassen, die von den Ethikerinnen und Ethikern seit dem letzten Jahrhundert als «Care-Ethik» bezeichnet wird.

Was ist «Care-Ethik»?
Als die amerikanische Philosophin und Psychologin Carol Gilligan 1982 in ihrem Buch «Die andere Stimme» darlegte, dass Frauen eine andere Vorstellung von Pflege («Care») hätten als Männer, nämlich «fürsorglich zu sein», «für andere zu sorgen» (man könnte «Care» auch mit «Fürsorge» übersetzen), zeigte sie eine Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auf, die sich heute bei weitem nicht erledigt hat. Daran anknüpfend hob die «Care-Ethik» die Prinzipien der Verletzlichkeit, der Fragilität, der Abhängigkeit und der Interdependenz der Menschen hervor und stellte sie ins Zentrum unserer menschlichen Beziehungen. Diese Prinzipien spiegeln sich auch im Titel eines auf diesem Gebiet etablierten Buches: «Moral Boundaries» von Joan Tronto (1993).

Fehlende Anerkennung der «Care»-Arbeit in unserer Gesellschaft
«Was würde es in unserer heutigen Gesellschaft bedeuten, die Werte Fürsorge, Vorsorge, Verantwortung, pädagogische Aufmerksamkeit, Mitgefühl, Achtsamkeit für die Bedürfnisse anderer als Kriterien der Definition einer guten Gesellschaft ernst zu nehmen, obwohl diese Werte traditionell mit Frauen in Verbindung gebracht und von allen öffentlichen Erwägungen ausgeschlossen werden?» Mit dieser brennenden Frage führt uns die amerikanische feministische Theoretikerin Joan Tronto zum Kern der «Care-Ethik».
Tatsächlich wurde die «Care»-Arbeit, das Bestreben, sich um andere zu kümmern (Sorge für andere, Selbsthingabe, Empathie usw.), lange Zeit ausschliesslich mit dem weiblichen Geschlecht in Verbindung gebracht und sogar als die «natürliche Moral» der Frauen verstanden. Gleichzeitig wurde diese Arbeit im Vergleich zu den traditionell den Männern vorbehaltenen Aufgaben, die oft mit einem hohen sozialen Mehrwert verbunden sind (politisch, religiös, militärisch usw.), stark abgewertet.

Der Weg zu einer besseren Anerkennung der «Care»-Arbeit
Laut der französische Soziologin Danièle Kergoat folgt diese Form der sozialen Arbeitsteilung zwei Organisationsprinzipien: dem Trennungsprinzip (es gibt Männerarbeit und Frauenarbeit) und dem hierarchischen Prinzip (Männerarbeit ist mehr wert als Frauenarbeit). So führen die sozialen Beziehungen zwischen den Geschlechtern in der Berufswelt zu einer Form der Aberkennung der Leistung von Frauen, insbesondere der gesamten «Care»-Arbeit.
Seit Tronto werden jedoch viele Stimmen laut, welche die «Care»-Arbeit «entweiblichen» wollen und sich dafür einsetzen, dass sie als «allgemeine Tätigkeit» anerkannt wird, «die alles umfasst, was wir tun, um unsere Welt zu erhalten, zu bewahren und wiederherzustellen, damit wir in ihr so gut wie möglich leben können» (Tronto, 1993).
So zielt die «Care»-Ethik einerseits darauf ab, die Sichtbarkeit der Pflegearbeit, die für das Fortbestehen einer zerbrechlichen und verletzlichen Welt unerlässlich ist, insgesamt zu erhöhen. Andererseits setzt sie sich auf politischer Ebene für eine ernstzunehmende, offizielle Vergütung ein, insbesondere durch die Aufwertung aller Pflegetätigkeiten, die meist unsichtbar von Frauen geleistet werden. Der im Rahmen der Mobilisierungen der Krankenpflegerinnen entstandene Slogan «weder Dienstmädchen noch Nonnen, noch Dummköpfe» unterstricht, dass diese Arbeitnehmerinnen den Konzepten «Berufung» und «Selbsthingabe», die noch weitgehend mit den «Care»-Berufen verbunden sind, ein Ende setzen und so als Berufstätige, die wesentliche Aufgaben für das Wohl der Gesellschaft wahrnehmen, anerkannt und bezahlt werden wollen.

Von der Notwendigkeit, sich um eine verletzliche Welt zu kümmern:
Kurzum, die «Care»-Arbeit, die seit Jahrtausenden hauptsächlich von der Frau getragen wird, verlangt heute in egalitärer und nachhaltiger Perspektive nach echter politischer Unterstützung, denn ohne diese Arbeit könnte die «humanitas», die Welt der Menschen, ganz einfach nicht weiterbestehen!

Findet man diesen Begriff im Neuen Testament?
Auch wenn der Jesus der Evangelien die gesellschaftliche Ordnung seiner Zeit und insbesondere auch das patriarchalische Universum nicht radikal auf den Kopf stellt, betonen viele neutestamentliche Erzählungen die Notwendigkeit, sich um die Armen, Schwachen oder Ausgegrenzten zu kümmern, manchmal sogar auf Kosten gewisser religiöser Gesetze. Man denke nur an die Heilungen, die am Sabbattag vollzogen wurden, an Jesu Nähe zu nicht respektablen Frauen oder an seine Aussage im Matthäus-Evangelium: «Was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan.» (25,45). Worüber redet Jesus hier? Über sechs offensichtliche und dringende Massnahmen, um den häufigsten menschlichen Nöten zu begegnen: Essen, Trinken, Unterkunft, Kleidung, Pflege, Besuch. Und es versteht sich von selbst, dass sich diese von Jesus aufgestellten Forderungen nicht ausschliesslich an das weibliche Geschlecht richten, sondern an alle, die ihm zuhören.
So liegt die Kernaussage dieses Textes nicht so sehr in der Frage, wie man dem in dieser Erzählung symbolisch angekündigten Jüngsten Gericht entkommen kann, sondern in der Ethik, die im Alltag von den Christinnen und Christen erwartet wird, einer Ethik, der hier höchster Wert beigemessen wird; ein Wert, der dem Reich Gottes würdig ist.

Auf die Gefahr, vorschnelle Schlussfolgerungen zu ziehen, glaube ich sagen zu können, dass Jesus in einer Welt, die nicht die sozialen Sicherheitsnetze unserer heutigen Gesellschaft bot, seine Zuhörer und Zuhörerinnen zur Fürsorge aufrief, zu einer Ethik, die niemanden bevorzugt und auf die wir heute stolz sein können!
Jesus lenkt unsere Aufmerksamkeit auch auf die Verletzlichkeit der menschlichen Existenz und auf die Notwendigkeit, ihr durch eine wahre «Care»-Ethik Rechnung zu tragen – wenn mir dieser Anachronismus erlaubt ist!

Heute ist es gerade dieses Wissen um die grundlegende Verletzlichkeit des Menschen, das angesichts wirtschaftlicher und politischer Zwänge Gefahr läuft, vergessen zu gehen.

Und in Zukunft?
In einer Welt, in der stets neue Schwächen und soziale Unsicherheiten auftauchen, sollte uns unser christliches Engagement vor den einseitigen Rentabilitätsüberlegungen unserer neoliberalen Gesellschaft warnen, denn diese drohen den Menschen, auch wenn er verletzlich ist, auf eine rein wirtschaftliche Komponente zu reduzieren.
Und sind wir nicht auch in einer egalitären feministischen Perspektive dazu aufgerufen, uns für eine bessere politische und soziale Anerkennung der «Care»-Arbeit einzusetzen, einer Tätigkeit, die für das Wohlergehen der Gesellschaft unerlässlich ist, obwohl sie noch weitgehend das unsichtbare Werk von Frauen ist?

Pfr. Daniel Nagy
Seelsorger und Mitglied des Klinischen Ethikrates am HFR

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